Fakten zur Aktion Mensch
Leben und erleben sind grundsätzlich sehr persönliche Erfahrungen. Diese einfache Wahrheit lässt Kategorien wie "behindert" oder "nicht behindert" unwichtig werden. Jeder Mensch hat einen anderen, jeweils eigenen Zugang zu dem, was ihn umgibt - das gilt auch für Menschen mit Behinderungen, ganz gleich, ob sie mit einer körperlichen, geistigen, psychischen oder mit einer Sinnes-Behinderung leben. Diesem Gedanken fühlt sich die Aktion Mensch verpflichtet.
Behinderung als gesellschaftliche Aufgabe
In den 60er Jahren bedeutete das einen Tabubruch. Behinderte Menschen, vorher versteckt, bevormundet und - im Dritten Reich - massenweise getötet, sollten nicht länger im gesellschaftlichen Abseits stehen, nicht länger Versorgungsfälle sein, sondern Menschen, die mit ihren Handicaps ernst genommen werden. Auslöser war der Schock über die "Contergan-Katastrophe". Mehrere tausend Kinder waren mit schweren Missbildungen zur Welt gekommen, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das seit 1957 zugelassene Schlafmittel Contergan genommen hatten. Erstmals rückte Behinderung nicht als ein privates Schicksal, sondern als gesellschaftliche Aufgabe in den Blick.
Der Mensch steht im Vordergrund
So entstand 1964 die Aktion Sorgenkind. Und mit ihr eine Organisation, die behinderte Kinder erstmals in den Fokus der Gesellschaft rückte, durch eine schonungslose Berichterstattung im ZDF, durch einen bis dahin einmaligen Spendenaufruf, schließlich mit der Soziallotterie, die heute die größte in Deutschland ist. Damit waren die finanziellen Mittel da, die die Behindertenhilfe und -selbsthilfe im heutigen Sinne erst möglich machten. Der Begriff "Reinerlös" wurde schnell zum Inbegriff der Organisation. Und für das, was erreicht werden kann, wenn viele Menschen für ein Ziel arbeiten. Die Idee war so faszinierend wie notwendig. Das haben viele gespürt. Und das ist bis heute so geblieben. Aber es hat auch wichtige Veränderungen gegeben: Integration lautet heute das zentrale Motto. Behinderte Menschen wollen nicht mehr nur am Rande der Gesellschaft existieren. Sie wollen möglichst selbstbestimmt und selbständig leben - eben so normal wie möglich. Damit hat sich die Sichtweise entscheidend gewandelt: Nicht mehr die Behinderung steht im Vordergrund, sondern der Mensch. Deshalb heißt die Aktion Sorgenkind seit dem 1. März 2000 Aktion Mensch!
Aktionen für Menschen
Mit dem gewandelten Selbstverständnis ergaben sich neue Schwerpunkte in der Arbeit: Die Aktion Mensch engagiert sich längst nicht mehr nur für behinderte Kinder, sondern setzt sich für Menschen aller Altersstufen ein. Auch für nicht behinderte - zum Beispiel für Menschen ohne Obdach, für Kinder in Frauenhäusern oder Asylbewerberheimen, für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Neu im Programm seit Januar 2003: ein eigener Förderschwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe. Dieses Engagement ist langfristig angelegt, da immer mehr Träger der Kinder- und Jugendhilfe über zu wenig Mittel verfügen, um passende Angebote für junge Menschen zu entwickeln. Zudem möchte die Aktion Mensch mit Förderprogrammen wie "Arbeit und berufliche Qualifizierung" und "Basisstrukturen in Zentral-, Ost- und Südosteuropa" in den nächsten Jahren behinderten- und sozialpolitische Akzente setzen.
Das (Wir) gewinnt
Die Aktion Mensch fördert jeden Monat circa 500 Projekte und Initiativen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe. In 45 Jahren wurden mehr als 2,5 Milliarden Euro an über 50.000 Sozialprojekte vergeben.
Grundlage für diesen Erfolg ist die Lotterie der Aktion Mensch. Sie bietet allen Mitspielern eine doppelte Chance: sich eigene Wünsche zu erfüllen und sich gleichzeitig sozial zu engagieren. Dieses Konzept hat die Aktion Mensch zur erfolgreichsten Soziallotterie Deutschlands gemacht. Außerdem können die Lose bequem von zu Hause per Internet bestellt werden. Der Clou: Es gibt Grußkarten für (fast) jeden Anlass dazu.
Es ist normal, verschieden zu sein
Die Aktion Mensch will zu einer Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft beitragen. Dies tut sie etwa durch Aufklärungsarbeit in den Medien, indem sie Diskussionsforen bietet, Politiker und Gesetzgeber informiert, Anzeigen und Werbespots schaltet. Dabei hat sie in den fast 40 Jahren ihres Bestehens Lernprozesse durchgemacht, auch dank der Anstöße von Menschen mit Behinderungen. Die Einstellung ihnen gegenüber war zunächst geprägt von einem medizinischen Verständnis von "Behinderung": Behinderte waren "behandlungsbedürftige Mängelwesen", deren Lebensperspektive vom Wohlwollen nichtbehinderter Menschen abhing. Diese Vorstellung prägte auch die Strukturen der Behindertenhilfe in den ersten Jahrzehnten.
Behindert ist man nicht, behindert wird man
In der Behindertenhilfe und -selbsthilfe hat aber schon vor einigen Jahren ein Umdenken eingesetzt, ein sogenannter "Paradigmenwechsel". Behinderung wird nunmehr als Ergebnis einer Wechselwirkung von individuellen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen verstanden. Ausdruck dieses neuen Verständnisses ist die Ergänzung im Grundgesetz durch Artikel 3, Absatz 3, Satz 2 "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden". Dies ist eine verfassungsrechtliche Werteentscheidung. Ein Beispiel: Wenn früher jemand mit seinem Rollstuhl nicht in die Straßenbahn kam, dann hieß es: Dieser Mensch ist behindert und damit nicht tauglich für die Straßenbahn. Das Hilfsangebot bestand dann zum Beispiel in einem Auto, das auf die speziellen Bedürfnisse dieses Menschen zugeschnitten war. Kommt heute jemand mit seinem Rollstuhl nicht in die Straßenbahn, so sucht man das Defizit nicht bei ihm selbst, sondern weiß: Die Haltestelle ist nicht behindertenfreundlich gestaltet oder die Straßenbahn hatte Stufen. Solche Probleme entstehen durch das Zusammenwirken von individuellen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Erwartungen oder Gegebenheiten. Hier setzt die Aktion Mensch an.
Barrieren beseitigen, der Vielfalt Raum geben
Behindert ist man nicht, behindert wird man. Diese Einsicht hat zu wichtigen Akzentverschiebungen in der Arbeit geführt. Die erklärten Ziele sind: Schranken abbauen, Barrieren beseitigen, Vorbehalte entkräften und eine Gesellschaft begründen, die behinderte Menschen genauso wie Menschen aus anderen Kulturen zuerst als das sieht, was sie sind: Menschen, die die Welt bereichern, ihr Vielfalt geben und eine ganz besondere Faszination. Wie wichtig dieses Engagement nach wie vor ist, zeigt die seit 1997 initiierte "Aktion Grundgesetz", in der über 100 Verbände der Behindertenhilfe- und selbsthilfe für die politische Gleichstellung behinderter Menschen streiten. Dass die Bundesregierung im März 2002 ein Gleichstellungsgesetz verabschiedete, das auch die Belange behinderter Menschen berücksichtigt, ist ein erster Schritt. Ihm müssen selbstverständlich weitere folgen. Übrigens: Mit insgesamt über 600.000 Teilnehmern mit und ohne Behinderung sind die Aktionen der Aktion Grundgesetz zum 5. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, die größte Protestbewegung seit der deutschen Wiedervereinigung.
Kulturelles Phänomen und politische Herausforderung
Mit den Mitteln von Aufklärung und Kommunikation bemüht sich die Aktion Mensch darüber hinaus, das gesellschaftliche Klima so zu verbessern, dass Behinderung nicht nur als soziales Problem verstanden, sondern auch als kulturelles Phänomen und politische Herausforderung wahrgenommen wird. Wer sich mit "Behinderung" beschäftigt, kann nicht umhin, sich mit den verbreiteten Vorstellungen von Normalität und Abweichung in Geschichte und Gegenwart sowie mit der Psychologie von Ängsten gegenüber tatsächlichem oder vermeintlichem "Leid" sowie dem "Anderen" auseinander zu setzen. Diese Überlegungen mündeten in die Ausstellung "Der [im-]perfekte Mensch", die gemeinsam von der Aktion Mensch und der Stiftung Deutsches Hygienemuseum Dresden erarbeitet wurde. Von 2000 bis 2002 ließen sich in Dresden und Berlin insgesamt eine Viertelmillion Besucher auf die Frage ein: Woher haben wir den Blick, der aus Menschen Behinderte macht?
Gesellschaftlicher Klimawandel
Mit weiteren Kampagnen und Initiativen arbeitet die Aktion Mensch ebenfalls am gesellschaftlichen Klimawandel mit: Seit 2000 wirbt die Jugendcommunity "respect" dafür, sich selbst und den anderen so zu achten und zu respektieren wie er ist. Kooperationspartner hierbei ist unter anderem der Jugendsender VIVA. Neben verschiedenen Foren und einem Cybertagebuch unter www.respect.de veranstaltet die Aktion Mensch Schreib- und Spraywettbewerbe, Workshops und Konzerte.
Mit der Initiative "Einfach für alle" will die Aktion Mensch Programmierer, Web-Designer und Anbieter von Internetangeboten überzeugen, dass ein Internet, das für Menschen mit Behinderungen zugänglich ist, allen nutzt. Anfang Dezember 2003 erhielten in Berlin die Betreiber der besten barrierefreien Internetseiten erstmals den BIENE-Award, ausgelobt von Aktion Mensch und Stiftung Digitale Chancen. BIENE steht hier für "Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten".
Das Projekt Familienratgeber der Aktion Mensch informiert umfassend über Hilfen für behinderte Menschen und über Ansprechpartner vor Ort. Das Adressverzeichnis unter www.familienratgeber.de ermöglicht eine detaillierte Suche nach regionalen Adressen und Anbietern.
Ende 2002 nahm die Initiative "1000Fragen" die bio-ethische Diskussion neu auf. Ein Jahr später hatten mehr als 500.000 Menschen die Seite www.1000fragen.de besucht, 35.000 Kommentare geschrieben und 8.500 Fragen zu den Themen Gentechnik, Sterbehilfe oder Pränataldiagnostik formuliert - allesamt festgehalten im "Buch der 1000 Fragen". Die Fragen wurden vom 18. bis 24. September 2003 in Berlin, der "Stadt der 1000 Fragen", präsentiert, unter anderem als Leuchtschrift auf dem Brandenburger Tor. Zum Abschluss der Kampagne wurde das "Buch der 1000 Fragen" politischen Entscheidungsträgern übergeben.
Die Aktion Mensch denkt weiter
Erfolg kommt nur mit der Veränderung. Das gilt auch für die Aktion Mensch. Deshalb suchen wir den kritischen Dialog mit der Öffentlichkeit und den behinderten Menschen selbst. Im direkten Gespräch, in öffentlichen Foren, in der ZDF-Sendung "Menschen - das Magazin", die jeden Samstag um 17.45 Uhr ausgestrahlt wird, oder in unserem Magazin. Vier Ausgaben erscheinen jedes Jahr mit Berichten über die Lebenswelt behinderter Menschen, über Förderprojekte, Aktionen, die Lotterie und vieles mehr. Wir rechnen vor, aber wir legen auch Rechenschaft ab über die Verwendung der Erlöse, Spenden und die Förderung. Wenn Sie Fragen haben, Vorschläge oder Kritik - wir interessieren uns dafür! Melden Sie sich bei uns!




